Freude, die von Herzen kommt

clownIm beschaulichen Bern existiert es eine Zirkusschule, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistert. In verschiedenen Kursen und Trainings wird das Thema Humor dort professionell erlernt. Betreiberin Tanja Steiner meint: "Ein Clown-Workshop ist besser als jede Psychotherapie!" 

Aus professioneller Sicht ein gewagtes Statement, das aber durchaus auch seine Berechtigung hat. Denn - Auch, wenn es durchaus einige Indikationen gibt, bei denen ein professionelles Coaching, eine Hypnose oder Therapie wesentlich besser indiziert sein dürften, so ist der Nutzen von Humor in Veränderungs- und Therapieprozessen sicherlich unbestritten. Unter einer ganz, ganz großen Voraussetzung: Das Lachen, die Freude, der Humor - sie müssen echt und dürfen nicht einfach nur aufgesetzt sein. 

Humor und Freude müssen von Herzen kommen, wenn sie ihre volle, heilsame Wirkung entfalten sollen. Ansonsten ist es eine Farce, man macht die sprichwörtlich gute Mine zum bösen Spiel - und fühlt sich innerlich immer leerer und ausgebrannter denn fröhlicher und glücklicher.

Kennen Sie die Geschichte vom Clown Grimaldi?

Ein Mann geht zum Arzt und klagt über große Beschwerden. "Seit Jahren schwindet jegliche Lebensfreude", meint er. "Nichts macht mir mehr Freude. Jeden Morgen stehe ich auf mit düsteren Gedanken. Jede Nacht weine ich mich in den Schlaf. Ich weiß einfach nicht mehr weiter."

Der Arzt lächelt,  meint: "Guter Mann, da habe ich genau die richtige Lösung für Sie. Heute Abend gastiert ein Zirkus in der Stadt, und dort tritt der großartige Clown Grimaldi auf. Der Clown Grimaldi zaubert jedem ein Lächeln auf die Lippen! Auch Ihnen! Gehen Sie hin, schauen Sie den Clown an, und Sie werden wieder glücklich sein."

Dem Mann steigen nun die Tränen in die Augen: "Aber ... aber ich bin doch Grimaldi ... "

Kongruenz statt Kosmetik

Manchmal kennt uns die Welt nur hinter unseren Masken, die wir uns aufsetzen, um wenigstens nach Außen hin fröhlich zu wirken - ganz gleich, wie es im tiefsten Inneren unserer Selbst aussieht. 

Den Clown Grimaldi gab es übrigens wirklich (Grimaldi auf Wikipedia). Joseph Grimaldi war ein bekannter Zirkusclown in England, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Und: All die Schminke, all die Kosmetik konnte nicht über die tiefe Traurigkeit hinter der Maske hinwegtäuschen. Es fehlte an - Kongruenz, daran, dass der Clown eben nicht fühlte, was er nach Außen hin meist sehr überzeugend spielte. Der Grimaldi-Effekt ...

Kongruenz bedeutet, dass die unterschiedlichen Ebenen eines Systems möglichst gut zusammenpassen.

Kongruenz in Hypnose und Therapie heißt, dass unsere Klienten nicht nur sagen sollen, dass sie sich gut fühlen - sondern einen authentischen Zugang zu eben diesen gewünschten Gefühlen haben sollten. Schon der Apotheker Emil Coué, geistiger Vater der Autosuggestion, biss sich daran zuweilen die Zähne aus: Bei einigen seiner Kunden wirkte die Autosuggestion wahre Wunder, während sich andere stundelang vor den Spiegel stellten und ihre gewünschte Suggestion ("Es geht mir gut ... es geht mir gut ...)" runterspulten, jedoch ohne auch nur ein Quäntchen Veränderung zu erleben. Woran lag's?

Autosuggestion funktioniert erst dann, wenn ich das, was ich sage, auch tatsächlich auch fühle. Einige Menschen beherrschen das von Natur aus - andere hingegen benötigen jedoch ein fachmännisch angeleitetes Training, wie z.B. das Selbsthypnose-Training, um diese Deckungsgleichheit zu erzielen. 

Taten statt Worte

Wenn ein Klient meint, "eigentlich ist es ja schon besser geworden" (womit mit "es" natürlich das Thema gemeint ist, mit dem der Klient ursprünglich in der Praxis erschienen ist) - dann gibt sich ein Hypnotiseur mit der Aussage erst zufrieden, wenn sie auch ausreichend Kongruent ist. Wenn der Klient die frohe Botschaft mit hängendem Kopf und traurigen Augen überbringt, dann ist Nacharbeit angesagt!

Wichtige Erkenntnis dabei ist, dass Klienten nicht immer auch das sagen, was sie tatsächlich auch fühlen oder denken. Gerade bei therapeutischen Interventionen, bei denen sehr rasche Ergebnisse versprochen werden, bei denen ein besonders hoher Leidensdruck (in Verbindung mit ebenso hoher erlernter Hilflosigkeit) besteht, oder wo Erwartung und Erfüllung meilenweit auseinanderklaffen, kann das psychologische Enttäuschungs-Paradox auftreten.

Schönreden statt Schlechtfühlen

Wenn wir eine vergleichsweise hohe Investition tätigen (die finanzieller Natur sein kann, aber ebenso aus Hoffnung und Erwartungshaltung bestehen kann), die Gegenleistung dann jedoch nicht dem entspricht, was wir erwartet hatten - sind wir von Natur aus geneigt, uns das mangelhafte Ergebnis schönzureden.

Es ist leichter, uns selbst etwas bar jeder Realität schönzureden, als denn Schmerz der Enttäuschung aushalten zu müssen.

Basis hierfür ist immer die Tatsache, dass wir selbst die ursprüngliche Entscheidung (Kaufentscheidung, Entscheidung, eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, etc.) getroffen haben.

Ein schönes Beispiel hierfür ist die Raucherentwöhnung. Mittlerweile weiß man, dass Teilnehmer an Nichtraucherkursen (oder auch an Einzelsitzungen), wenn sie nach einigen Monaten gefragt werden, wie gut der Effekt war - oftmals selbst dann noch behaupten, dass sie Nichtraucher sind, wenn sie in Wirklichkeit schon längst wieder angefangen haben! Zu groß ist die Scham sich selbst (aber auch dem Gesprächspartner) gegenüber, als dass man sich das eigenen Versagen eingestehen möchte. 

Ein anderes Beispiel: Man bucht einen besonders teuren Urlaub, oder gönnt sich einen Besuch im Fünf-Sterne-Luxusrestaurant. Auch, wenn das eigentliche Erlebnis dort eher enttäuschend war, wird man doch lieber von dem "Besonderen", das man erlebt hat, vorschwärmen - was psychologisch deutlich einfacher ist, als sich (und anderen gegenüber) einzugestehen, dass man einen absoluten Fehlgriff gelandet hat.

Kongruenz prüfen!

Inwieweit das nun für den professionellen Hypnotiseur wichtig ist? Ganz einfach: Es liegt in unserer Verantwortung, ob unsere Klienten ihren Zielen tatsächlich schon nähergerückt sind, oder dies vielleicht nur behaupten. Auch, wenn dies aufs erste Hinhören seltsam klingen mag: Das Enttäuschungs-Paradox erklärt sehr schön, warum dies häufiger der Fall sein könnte, als uns lieb sein mag.

Ein gut geschulter Hypnotiseur wird die Kongruenz seines Klienten  recht einfach prüfen können. Allen voran steht hier die eigene Beobachtungsgabe: Passt das, was mein Klient sagt, mit dem, wie er es sagt, zusammen? Gut hinschauen, gut hinhören kann hier manchmal wahre Wunder wirken.

Echte Freude statt guter Mine zum bösen Spiel

Wenn die Freude, das Lachen dann auch von Herzen kommt und nicht nur aufgesetzt ist, haben beide - Hypnotiseur und Klient - auch schon gewonnen. Dann kommt's auch nicht zum Grimaldi-Effekt, sondern zu einem authentischen, befreiteren Leben.

Professionelle Hypnotiseure kennen viele Interventionen und Strategien, die wertvolle Hilfe leisten, selbst wieder zu einer stimmigen und wohltuenden Kongruenz zu finden. 

Den vollen Artikel zur Zirkusschule lesen Sie übrigens hier: http://www.bernerzeitung.ch/region/bern/Ein-ClownWorkshop-ist-besser-als-jede-Psychotherapie/story/27801780

Über den Autor
Olf Stoiber
Olf Stoiber ist Coach, Trainer und Therapeut aus München. Derzeit vertritt er den Deutschen Verband für Hypnose e.V. (DVH) als erster Vorsitzender, und war 2008 einer der Mitgründer des Verbandes.
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