Mein Freund Joe ...

Der folgende Text stammt von Dr. Hans Lang - www.hypnoseseminar.de

"My friend Joe" ist ein bekanntes NLP-Format. 

Mein Freund Joe dagegen ist -möglicherweise- eine imaginierte Kunstfigur, vielleicht gibt es ihn auch wirklich, oder vielleicht doch nicht?

Er ist Hypnotiseur, Weltreisender, Beobachter, Teilnehmer, Lebensgenießer.

Ich treffe ihn immer wieder einmal völlig unvermittelt, genau so unvermittelt ist er dann auch wieder verschwunden, seine wirkliche Identität ist unbekannt......

Wieder einmal treffe ich meinen „Freund Joe" in einem leicht heruntergekommenen Café.

-letzt war ich ein paar Wochen im Fernen Osten, in Indonesien, wollte nur meine Ruhe haben, Freunde besuchen, und so..... beginnt er.

Gut, eine von diesen Bekannten ist so – hmmm wie nennt man einen weiblichen Guru? Ich mag sie einerseits ganz gerne, andererseits kann sie mir auch furchtbar auf den Senkel gehen..... Sie übt so eine Art esoterische Heilersprechstunde aus, scheint damit richtig viel Geld zu machen. Andererseits ist sie auch sehr realistisch, ist studierte Volkswirtin, ist NLP-Trainerin, ja, und dann publiziert sie jeden Tag eine Art Reiki-Sprüche, wirklich sehr, sehr irritierend.

Und kaum war ich im Lande, hat sie mich eingeladen. Und dann bat sie mich um ein Gespräch unter vier Augen. War mit einem Schlag nicht mehr Guru, sondern eine leicht verzweifelte, ratsuchende Klientin.

Ihr Problem war, na, das tut eigentlich nichts zur Sache. Ich konnte nur erahnen, dass ihre Überlegenheit und Stärke in allen Lebenslagen ihre Kehrseite haben. Sie kann sich ihre schwachen Seiten einfach nicht erlauben. Das wäre so, als ob Richard Bandler plötzlich einen Schnupfen hätte und nicht wüsste, wie er diesen innerhalb von zwei Minuten verjagen könnte.

Na gut, wir haben darüber gesprochen und dann meinte sie etwas kleinlaut: „Ich hatte gehofft, dass Du mir mit Hypnose helfen könntest!"

Ich: „Du bist selbst Hypnotherapeutin, wie hypnotisierst Du normalerweise?"

„Ja, also ich, äh, ja, das ergibt sich manchmal so im Gespräch!"

Aha, denke ich, aus irgendwelchen Gründen macht sie keine direkten Hypnosen. Warum?

„Dann zeige ich Dir jetzt mal, wie ich hypnotisiere" und nach einem „Convincer", der ihr viel Spaß zu machen scheint, leite ich die Hypnose mit den „magnetischen Händen" ein. Sie folgt meinen Suggestionen so schnell, dass ich lieber ein wenig bremse. Dennoch ist sie innerhalb weniger Augenblicke in tiefer Trance. Ich vertiefe mit Zählen, teste mit einer Armkatalepsie. Benutze diese, um nochmals zu vertiefen.

Dann -es fällt mir nichts anderes ein- bitte ich sie, an einem „sicheren Platz" mit ihrem Unterbewusstsein in Kontakt zu treten.

Das Unterbewusstsein bestätigt durch „autonomes Nicken", dass es alle Möglichkeiten zur Problemlösung bereits hat. Es bestätigt auch, dass es zur richtigen Zeit das richtige tun werde, um der Klientin zu helfen.

Dann lasse ich die Klientin in die Zukunft gehen, zu einer Zeit und einem Ort, wo die gegenwärtige Problematik schon lange zur allseitigen Zufriedenheit gelöst ist. Ich lasse die Klientin diesen Zustand mit allen Sinnen erleben. Ich lasse sie aus der Zukunft heraus erinnern, wie schnell und leicht sie ihre Ziele verwirklicht hat. Ich lasse sie erinnern, welche Schwierigkeiten und Widerstände es gab und wie einfach sie zu meistern waren. Ich bitte die Klientin, sich bei ihrem Unterbewusstsein zu bedanken und dann nehmen wir die Hypnose zurück.

Im Nachgespräch zeigt sich die Klientin überrascht, wie schnell sie am Anfang in eine tiefe Hypnose gehen konnte. Sie habe sich die ganze Zeit über sehr wohl gefühlt. Und irgend wann habe eine innere Stimme ihr gesagt, dass sie ihr Problem in genau fünf Monaten gelöst haben werde. Das habe sie gut akzeptieren können. Bezüglich des Blickes in die Zukunft sei sie jetzt neugierig, ob es wirklich genau so aussehen werde. Nur ein mal sei sie irritiert gewesen. Die Schwierigkeiten und Widerstände beim Verfolgen Ihrer Ziele seien ihr doch recht gravierend vorgekommen. Aber dann habe sie auch gesehen, wie sie damit umgehen könne.

Jetzt sei sie guten Mutes.

Nach vier Wochen traf ich sie wieder: bei einer Party anlässlich meiner bevorstehenden Heimreise. Jetzt ließ es mir keine Ruhe mehr. Ich musste sie einfach fragen. „Hast Du zufällig mal etwas geträumt, was mit unserer Hypnose neulich zusammenhängen könnte?"

„Ach so, ja, ich weiß jetzt wirklich nicht mehr, ob ich das geträumt habe, oder erinnert...... jedenfalls habe ich viele Jahre nicht mehr daran gedacht, dass ich als Kind, wenn ich traurig war, immer Papier zerrupft habe, so in richtig kleine Stückchen"

„Was konntest Du NICHT tun, wenn Du Papier zerrissen hast?"

„Dann konnte ich nicht weinen, ich habe als Kind ziemlich viel geweint!"

„Wie fühlst Du Dich, wen Du jetzt an diese alte Gewohnheit denkst?"

„Mir geht es richtig gut. Ich glaube, ich habe nach der Hypnose neulich wirklich viel geträumt. Kann mich jetzt nicht mehr an genaues erinnern. Ach so, dieses Problem, weswegen ich Dich neulich um Rat gefragt hatte, ist mittlerweile richtig, richtig unwichtig! Es hat sich aufgelöst!"

„übrigens: so wie Du die Hypnose eingeleitet hast, das mache ich mittlerweile mit meinen Klienten auch so. Unglaublich, wie schnell die jetzt in Hypnose gehen! Das hätte ich mir nie vorstellen können!"

Mein Freund Joe rührt jetzt ausgesprochen meditativ in seiner Kaffeetasse. Er nimmt weder Zucker noch Milch, es kann sich also nur um unbewusste Motorik handeln.

Ich habe aus seiner Erzählung eine neue Intervention gelernt:

„Was kannst Du NICHT tun, wenn Du in Deiner Kaffeetasse rührst?" frage ich ihn, schaue ihn dabei aus Verlegenheit nicht an.

Als ich aufsehe, ist Joe verschwunden. War er überhaupt hier? frage ich mich. Habe ich beim Nachdenken über einen schönen Urlaub in den Tropen eine Begegnung mit dem Weltreisenden Joe imaginiert?

Mir gegenüber steht eine leere Kaffeetasse.

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