Best Practice? Gibt es das?

Am Sonntag findet in unserem kleinen Stadtpark ein noch kleineres Konzert statt. Eher aus Neugier gehe ich hin. Und finde hier meinen Freund John etwas abseits auf einer Parkbank sitzen. Sein Fahrrad lehnt an einem Baumstamm. 

“Heute stehen sie alle um den Konzertpavillon herum. Die einzige Gelegenheit, hier einmal eine Bank für mich alleine zu haben! Und - wie läuft es mit Deiner neuen Praxis?”
“Hmm,” brumme ich verlegen vor mich hin, “momentan läuft so gut wie nichts, eine Kassenzulassung bekomme ich nicht mehr und will sie auch nicht mehr, habe genug von all dieser Bürokratie, momentan praktiziere ich in meiner früheren Praxis, die aber zu abgelegen ist. Und wenn ich den idealen Raum finde, wie soll ich ihn am besten einrichten? Übrigens: wo und wie praktizierst Du eigentlich? Du bist so viel unterwegs, hast Du überhaupt eine eigene Praxis?”

Ich habe John noch nie um eine Antwort oder zumindest einen Gedanken verlegen gesehen. Aber heute scheint er mir endlos lange in die unendliche Ferne zu schauen.

“Ich überlege, wie die ideale Praxis aussehen würde! Ach was, das Ideal gibt es sowieso nicht. Aber mir fällt da etwas ein:
In einem Forum für Hypnotiseure wurde vor einiger Zeit ein Gedanke vorgestellt, wie man den Klienten oder Patienten einen MEHRWERT bieten könne. Dieser wurde -wie ich es verstanden habe- so erklärt: Die Praxis soll so eingerichtet sein und die Abläufe sollen so organisert sein, dass die Klienten & Patienten trotz etwas höherer Honorarsätze das Gefühl haben sollen, ein Schnäppchen gemacht zu haben. 
Und dann ging es darum, wie die Praxis eingerichtet und gepflegt werden sollte, ob und welche Getränke angeboten werden sollten und vieles mehr. Das heißt, der Autor hat nicht erklärt, wie eine Praxis eingerichtet sein SOLLTE, sondern er hat SEINE Praxis vorgestellt. Und wollte wohl gerne auch von anderen erfahren, wie diese ihre Praxen einrichten. Das habe ich aber erst mehrere Tage später verstanden.
Ich muss zugeben, dass mich das Wort SCHNÄPPCHEN irritiert hat. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass ein vermeintliches Schnäppchen sich im nachhinein als Mangelexemplar herausgestellt hat. 
Aber das ist hier sicherlich unerheblich.
Interessant waren die Reaktionen auf das erste Statement. Und auch der Ansatz einer Diskussion, die sich hieraus ergab. Ich habe aus all dem wieder einmal entnommen: 
MAN KANN MACHEN WAS MAN WILL, ES WIRD IMMER IRGEND JEMANDEN GEBEN, DEM GENAU DAS NICHT PASST!

Und ich fing an, zu überlegen: Was tust DU eigentlich dazu, dass Deine Klienten oder Patienten sich bei Dir gut aufgehoben fühlen, dass sie das Gefühl haben, mit Deiner Hilfe weiter zu kommen, dass sie bei neuerlichem Bedarf wieder kommen? 

Für mich ist das wichtigste ob in Bezug auf Hypnose, auf Therapie oder unterhaltsame Demonstration meine eigene Haltung. 

1. Ich bin Hypnotiseur. (einer von DER Sorte, die gleich etwas tun ohne vorher stundenlang zu erklären, was alles NICHT funktionieren könnte und wie sich Erikson in dieser Situation NICHT verhalten würde). Natürlich berücksichtige ich die Umgebung, in der ich tätig bin und passe mich und meine Tätigkeit an.
2. Ich hypnotisiere. Und ich weiß, dass ich hypnotisiere. Und ich habe keine Zweifel und es ist mir dabei völlig gleichgültig, ob dabei meine Bleistifte in Reih und Glied liegen oder nicht. Wichtig ist, dass ich mich selbst zuvor in einen guten, ressourcenvollen Zustand versetzt habe.
3. Ich lasse mich auf meine Coachees ein. Ich nehme ihre Fragen, Probleme oder Beschwerden ernst. Ich nehme ihre Individualität ernst Und akzeptiere sie. Obwohl ich die Welt höchstwahrscheinlich ganz anders sehe. Und ich denke (hoffentlich immer und rechtzeitig) daran, dass es zwei grundsätzliche Irrtümer gibt. Irrtum Nummer eins: Das, was ich als für mich nützlich erfahren habe, ist auch allen anderen Menschen nützlich. Irrtum Nummer zwei: Das, was allen anderen Menschen nützlich ist, ist auch diesem Klienten, der mir gegenüber sitzt, nützlich.     

Wenn es mir gelingt, meine Coachees zu sich selbst zu führen, vielleicht sogar einen oder mehrere Schritte weiter zu führen, dann ist die Umgebung, in der dies stattfindet, möglicherweise doch nicht von sooooooo entscheidender Bedeutung. 

Ich habe in den unterschiedlichsten Kontexten hypnotisiert. Das Extrem war vielleicht damals eine Hypnose in der Ostsee. Unser Schiff machte Zwei-Meter-Sprünge, das Wasser, welches mir zum einen Ärmel hinein- und zum anderen Ärmel hinaus lief, war sowieso ungenießbar. Die Klientin wechselte innerhalb weniger Minuten ihre (echt) grünliche Gesichtsfarbe zur gewohnten vornehmen Blässe zurück und begann, Schwänke aus ihrer Jugendzeit zu erzählen. 
Es war damals weder zeitlich noch örtlich möglich, eine Umgebung im Sinne von “Best Practice” zu schaffen.”  

“Aber John, ich wollte doch nur wissen, ob Du einen Praxisraum hast, und wie der wohl eingerichtet ist!”
“Warst Du schon mal bei mir in der Küche?”
“Nein, John, ich weiß ja überhaupt nicht, wo Du wohnst!”

“Silberner Mond - der am Himmelszelt wohnt” tönt es vom improvisierten Konzertpavillon herüber.
Und von John ist -wieder einmal- nichts zu sehen. Er ist einfach weg. Verschwunden. Hat sich in Luft aufgelöst.

Ich ärgere mich. Er hat es schon wieder geschafft, dass ich mir die Antwort auf wirklich wichtige Fragen selbst geben muss. Im Grunde genommen weiß ich: Dieser John ist Hypnotiseur durch und durch. Die Frage, wie er sich und seine Praxis für die Patienten oder Klienten darstellen sollte, diese Frage existiert für ihn einfach nicht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er tatsächlich in seiner Küche praktiziert und dass seine Klienten begeistert sind. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass er überhaupt eine Küche hat. 

Vielleicht gibt es ihn selbst genau so wenig wie es die ideale BEST PRACTICE gibt.

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