Wann beginnt die Hypnose eigentlich zu wirken?

Es ist immer -besonders für Therapeuten- befriedigend, wenn eine Hypnose sofort und nachhaltig wirkt. 

Aber ist es sehr schlimm, wenn die Wirkung erst verzögert einsetzt?
Besonders eindrucksvoll sollen "MY FRIEND JOHN"-Geschichten sein.
Hier ist eine. Übrigens: diesen John treffe ich immer wieder in unregelmäßigen Abständen. Er ist ein sehr interessanter Zeitgenosse, taucht urplötzlich auf und ist genau so plötzlich wieder verschwunden. Adresse unbekannt, kein Telefon, keine Emailadresse, kein Facebookprofil. Ich habe den Verdacht, dass er auch keine Papiere hat. Aber lesen Sie selbst:

 Im Frankfurter Hauptbahnhof gibt es noch eine kleine Kantine für das Personal. Seit der Bahnprivatisierung wird die Berechtigung, dort einen Kaffee zu trinken oder zu frühstücken, nicht mehr so streng kontrolliert. Man muss die Lokalität nur kennen und finden.

Natürlich treffe ich dort meinen Freund John.

"Ich arbeite hier zeitweise in der Materialverwaltung, der Hauptbahnhof kommt meiner Reiselust entgegen, und ich verdiene auch etwas dabei"

Die Kantinenwirtin setzt sich zu uns und erzählt zum tausendsten mal von Ihrer Kneipe, die sie früher hatte und von ihrer frühen Zeit als Klosterschülerin. Ab und zu, es ist noch früh am Tag, kommt jemand vorbei um einen Kaffee oder ein belegtes Brötchen zu bestellen. Dann steht sie auf und kommt anschließend keuchend zum Tisch zurück.

John rührt in seiner Kaffeetasse und kaut dabei auf dem Rest eines halben Brötchens, belegt mit Ei, herum.

"Sag mal, John, was ich Dich schon immer fragen wollte: kann das sein, dass eine Hypnose erst nach vierzehn Tagen wirkt?" Das ist Christiane. Niemand weiß, welche Funktion sie hier im Hauptbahnhof hat, sie scheint jedenfalls hier zu arbeiten und kennt jeden, und jeder kennt sie.
"Kann schon sein!" brummt John und schaut sie neugierig an.
"John hat vor fast einem halben Jahr einen Nichtraucherkurs für das Personal hier gegeben" klärt Christiane mich auf. "Einen Abend lang. Drei Stunden. Viele sind einfach aus Neugier gekommen, haben anschließend auch weiter geraucht. Einige haben nach diesem Abend nie wieder geraucht. Ich habe zunächst weiter geraucht. Nach genau vierzehn Tagen fiel mir plötzlich ein, dass John während einer Gruppenhypnose sagte, wir sollten jetzt alle uns vorstellen, reine Luft ein- und Dreckluft auszuatmen. Das hast Du doch so gesagt, John, oder?"
"Das weiß ich echt nicht mehr!" brummt John, "aber erzähl doch mal, wie ging es denn weiter?"
"Tja, von diesem Moment an konnte ich nicht mehr rauchen! Ich habe es versucht. Es hat nur noch abscheulich geschmeckt. Ach, und weißt Du was: ich hatte überhaupt keine Entzugserscheinungen. Es war und ist so, als hätte ich noch nie geraucht!"
"Hast Du zugenommen?" fragt John, "davor hatte Ihr alle doch am meisten Angst!"
"Nee, kein bischen!" Und Christiane verschwindet fröhlich winkend aus der Tür.

Ich schaue ihr verblüfft nach. "Was meinst Du, John, hat da wirklich die Gruppenhypnose nach zwei Wochen erst gewirkt, oder kann das noch etwas anderes gewesen sein?"

Als ich aufsehe, ist John nicht mehr zu sehen. Seine Tasse ist ebenfalls verschwunden.

Die Kantinenwirtin hat einen Kaffee serviert und setzt sich wieder zu mir an den Tisch.  "Hast Du gesehen, wohin dieser John gerade eben verschwunden ist?" frage ich sie. "John? Wen meinst Du? Hier war kein John und ich kenne auch keinen John!"

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